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Freiheit für die Kunst im Netz?

  • M.o.s.c
  • 31. Dezember 2006 um 16:35
  • M.o.s.c
    Erleuchteter
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    3.348
    • 31. Dezember 2006 um 16:35
    • #1

    Immer mehr Texte, Musikstücke und Kunstwerke werden heute digital produziert und verbreitet. Das Urheberrecht kann mit dieser Entwicklung nicht Schritt halten. Faktisch lässt es kaum Alternativen zwischen totaler Kontrolle und totaler Freigabe des Copyrights. Der US-Juraprofessor Lawrence Lessig will das ändern - und hat dafür das Creative-Commons-Lizenzsystem entwickelt.

    Von Wulf Rohwedder, tagesschau.de

    Lawrence Lessig während eines Vortrags beim CCC in Berlin (Bild: Wulf Rohwedder) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Lawrence Lessig: "Jede Form von Regulierung tötet Kreativität."]
    "Jahrzehntelang wurde Code zur Programmierung von Funktionen genutzt, seit rund zehn Jahren dient er auch zur Produktion von Kunst. Der Computer ist heute ein so selbstverständliches Werkzeug wie für andere Generationen der Bleistift oder die Schreibmaschine." Lawrence Lessig, Philosoph, Wirtschaftswissenschaftler und Juraprofessor an der US-Eliteuniversität Stanford, gehört zu den wichtigsten Aktivisten in der Bewegung für die weltweite Reform des Urheberrechts. Auf dem Chaos Communication Congress in Berlin stellte er seine Überlegungen vor.
    Sampling gab es schon immer

    Stichwort: Im Bereich der Musik steht der Begriff Sampling (engl. "sample" - Stichprobe, Muster) für die Wiederverwertung aufgenommener (digitalisierter) Töne. Mit Sampling wird inzwischen aber auch eine speziell im digitalen Zeitalter an Bedeutung gewinnende Kulturtechnik benannt, bei der Texte, Ideen, Konzepte, Ästhetiken, etc. zu neuen Werken (Hybriden) zusammengesetzt werden.
    Eine Kernfrage ist für Lessig, wie mit dem so genannten Sampling umgegangen wird - eine Technik, die durch den Computer in allen Bereichen immer populärer wird, da sie neue Ausdrucksweisen schafft und die einzelnen Kunstformen zusammenführt. Sampling sei dabei keinesfalls nur ein aktuelles Phänomen, es habe durchaus historische Wurzeln, sagt Lessig: "In der Musik sind immer neue Werke dadurch entstanden, dass eine Künstler ein bestehendes Motiv aufgenommen und weiterentwickelt hat. Andernfalls hätte sich auch niemals Volksmusik entwickeln können. Jede Form von Regulierung tötet jedoch Kreativität". Schon die Frage nach fairem Nutzen von kurzen Musik-Samples in neuen Stücken sei juristisch immer noch nicht geklärt - sofern sie, bedingt durch digitales Rechte-Management (DRM), überhaupt noch möglich ist. Die Konsequenz: Kreativität werde illegal, der Künstler in den Untergrund gedrängt.
    Die bisherigen Systeme versagen

    Was kann man nun dagegen tun? Lessig hält es für wenig effektiv, sich an die aktuell herrschenden Gesetzgeber zu wenden, da diese keinerlei Sensibilität für das Thema besäßen und oft den Status Quo verteidigten. Auch den Gang vor die Gerichte hält er für wenig sinnvoll, zumal die Fragen oft bestehende Gesetzwerke sprengten und die Richter überforderten. "Wir müssen nicht 100 Richter überzeugen, sondern 100 Millionen Menschen", sagt Lessig. Gleichzeitig warnt er davor, die Regulierungen durch technische Mittel unterlaufen zu wollen. Dies würde zwangsläufig zur Eskalation der Mittel führen: Wer zum Beispiel DRM-Systeme knacke, müsse mit noch restriktiveren Techniken, aber auch stärkeren juristischen Repressionen rechnen.
    Logo der Creative Commons (Grafik: creativecommons.org) [Bildunterschrift: Creative Commons: Der Urheber entscheidet, wie mit seinem Werk umgegangen werden darf.]
    Creative Commons als dritter Weg

    Lessig hat nun seinen eigenen Weg zwischen totaler Copyright-Kontrolle und totaler Freigabe von Inhalten gesucht: Die von ihm entwickelte Creative-Commons-Lizenz lässt zu, dass der Schöpfer eines Werks bestimmte Nutzungsformen ausschließt oder einschränkt, andere aber freigibt. Der Urheber kann auf die Nennung seiner Autorenschaft bestehen, die kommerzielle Auswertung oder die Bearbeitung untersagen oder vorschreiben, dass alle Produkte, die aus seinem Werk entstehen, nur unter den gleichen Bedingungen weitergegeben werden dürfen, die er für sein Original festgelagt hat. Lessigs Organisation hat entsprechende juristisch einwandfreie Lizenzen entwickelt, die sich bereits vor Gericht bewährt haben, aber noch verständlich genug sind, um von Nicht-Juristen verstanden zu werden.
    Es hat schon einmal funktioniert

    Lessig verweist auf einen historischen Präzedenzfall: Als in den 40er Jahren das Radio immer populärer wurde, begann die American Society of Composers, Authors, and Publishers (ASCAP) als alleiniger Verwalter aller musikalischer Rechte in den USA die Gebühren für Senderechte massiv zu erhöhen. Als Gegenorganisation wurde die BMI gegründet: Sie gab Künstlern eine Chance, die den restriktiven Aufnahmekriterien der ASCAP nicht entsprachen, und produzierte Aufnahmen von lizenzfreien Musikstücken, die sie den Radiostationen zu günstigen Bedingungen zur Verfügung stellte. Die Aktion hatte Erfolg: Viele Sender verzichteten auf ASCAP-Lizenzen, ohne Hörer zu verlieren, sodass die Organisation gezwungen war, die Gebühren wieder auf einen Bruchteil des ursprünglich Geforderten zu reduzieren. "BMI war nur die zweitbeste Wahl, aber sie war gut genug", meint Lessig
    Alles oder nichts?

    CCC 2006 in Berlin (Bild: Wulf Rohwedder) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: CC und CCC: Creative Commons war eines der Themen auf dem Chaos Communication Congress in Berlin.]
    Eine ähnliche Entwicklung hofft Lessig nun mit der Creative-Commons-Lizenz anstoßen zu können - und es gibt einige Zeichen dafür, dass er Erfolg haben könnte. Bisher haben rund 70 Länder, darunter auch Deutschland, das Lizenzsystem in ihre Gesetze integriert, 150 Millionen Mal haben Werke auf eine Creative-Commons-Lizenz verwiesen. Trotzdem gibt es Widerspruch zu einigen Thesen.

    Andere Aktivisten im Bereich der Urheberrechtsreform, insbesondere aus dem Kreis der Entwickler von freier Software, sehen die Creative-Commons-Lizenz kritisch. Sie halten es für unabdingbar, dass alle aus einem frei zugänglichen Werk entstehenden Werke auch wieder frei verteilt werden müssen. Denn nur so lasse sich parasitäre Nutzung verhindern und die Motivation zur Weiterentwicklung aufrechterhalten - andernfalls würde das auf Gegenseitigkeit basierende System zusammenbrechen. Andere wollen das Copyright komplett abschaffen - eine Idee, die Lessig ablehnt, da sie dem Urheber aller Kontrolle und nicht-freiwilliger Entlohnungsmöglichkeiten beraubt.
    Keine Zeit für Grabenkämpfe

    Lessig warnt davor, die Energie in internen Auseinandersetzungen zu verbrauchen, anstatt sie für das gemeinsamen Ziel einzusetzen. Im 20. Jahrhundert hätte sich die Gesellschaft von einer produzierenden zu einer konsumierenden Kultur gewandelt. Durch die neuen Medien bestehe jetzt die historisch einmalige Chance, diese Entwicklung wieder umzukehren: "Wir können von einer 'Read-Only-Kultur' zu einer 'Read-Write-Kultur' zurückfinden. Das Zeitfenster für diese Chance sei jedoch sehr klein, sagt Lessig im Gespräch mit tagesschau.de: "In den nächsten fünf Jahren wird sich alles entschieden haben."


    Quelle: Tagesschau.de

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