ZitatAlles anzeigenWohin führt Klinsmanns Philosophie den FC Bayern? Das 4:2 gegen Wolfsburg mit all seinen Wendungen gibt Antworten.
Jürgen Klinsmann hatte sich die Haare sehr kurz geschnitten, in seinem Gesicht zeichneten sich viele Details ab, die Wangen waren ein wenig eingefallen. Der 44-Jährige ist ohnehin schlank, am Samstag wirkte er wie ein Asket. Nach dem 4:2 (1:2) gegen den VfL Wolfsburg schritt er nicht wie sonst dynamisch und wortlos zum Ausgang, sondern stellte in der Mixed Zone seinen Rollkoffer ab und sagte in die Mikrofone: "Die Mannschaft hat tolle Moral gezeigt, aber es hat sehr viel Kraft gekostet." Er meinte damit die Spieler – doch er hätte auch sich selbst meinen können.
Der Trainerjob beim FC Bayern München ist ein anstrengender, und Klinsmanns Ehrgeiz erlaubt ihm nicht, sich zu schonen. Er will hier unter keinen Umständen scheitern, will sich und der Welt beweisen, ein guter Klubtrainer zu sein. Es geht sogar so weit, dass sich der durchaus umtriebige Manager Uli Hoeneß vor dem Arbeitseifer seines neuen Übungsleiters ängstigt. Zuletzt riet er ihm öffentlich, mal länger zu schlafen.
Doch auch nach dieser neunten Bundesliga-Partie dürfte der Bayern-Trainer eine unruhige Nacht erlebt haben. Wie viele andere auch. Denn unter dem Schwaben zeigt der FC Bayern einen Fußball wie sich das in München bislang nur eine Truppe vom Circus Krone erlaubt hätte. Gut, die Buddhas und die nicht-öffentlichen Trainingseinheiten hätten die Anhänger noch geschluckt, aber 2:5 gegen Bremen, 3:3 gegen Bochum, 3:0 gegen Florenz, nun 4:2 gegen Wolfsburg nach 0:2-Rückstand. Dahin scheint eine 40-jährige Tradition des Rasenschachs, des zynischen Ergebnisfußballs mit garantiertem Gegner-Derblecken am Schluss.
Skeptische Blicke aus dem Umfeld
Das Umfeld beäugt den Wandel skeptisch, nach den ersten Misserfolgen hatten viele Klinsmanns Ablösung gefordert. Obwohl das Publikum Woche für Woche ein Spektakel geboten bekommt, genießt der Trainer kaum einen Bonus, ist selbst für Münchner Verhältnisse extrem abhängig von kurzfristigem Erfolg. Allein Hoeneß und Vorstandvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge halten streng Kurs und geben sich überzeugt davon, dass der Klinsmann-Fußball mittel- und langfristig Impulse und neue Erfolge bringt.
Doch da erinnert man sich an eine alte Fußballweisheit: Ein guter Angriff gewinnt Spiele, doch nur eine gute Abwehr gewinnt Titel. Und was die Bayern-Verteidigung da bisweilen vorführt, nimmt fast Dimensionen wie in Bremen an. Wolfsburg hätte einige Tore mehr als nur zwei erzielen müssen. Wohin führt die Philosophie des Jürgen Klinsmann den stolzen FC Bayern? Das Spiel gegen Wolfsburg mit all seinen Wendungen gab Antworten.
Aggressive Adrenalin-GangTeile des Kaders sind in einem körperlich exzellenten Zustand, zuvorderst Bastian Schweinsteiger, Zé Roberto, Tim Borowski und inzwischen auch Miroslav Klose. Zusammen mit dem physisch stets präsenten Franck Ribéry haben sie Felix Magaths Medizinball-Kicker in der zweiten Halbzeit phasenweise überrannt. Und weil es in der Bundesliga wenige Profis gibt, die fitter sind als Magaths Spieler, muss sich die Liga in Acht nehmen vor dem rasanten Bayern-Teil.
Dazu hat Klinsmann die Gabe, gestandene Profis in einer Kabine zu "pushen", wie das am Samstag einige (Hoeneß, Schweinsteiger) aus der Halbzeitpause berichteten. Er formulierte es selbst so: "Wir haben der Mannschaft klar gemacht, dass wir dringend anfangen müssen, den Gegner im Eins-gegen-Eins auch bösartiger anzugehen, ihm den Schneid abzukaufen." Seine Spieler folgten: Aus einer recht passiven VfL-Begleittruppe wurde binnen 15 Minuten eine aggressive Adrenalin-Gang, die den Gegner überrumpelte. Da wird der Anpfiff zum Halali, dem Frontalangriff war schon der AC Florenz am Dienstag in den ersten Minuten erlegen gewesen.
Dazu kam eine überraschend gelungene Analytik. Zé Roberto nach der Pause auf die linke Verteidigerposition zu stellen und damit das Offensivspiel völlig neu zu ordnen, hat die Partie gegen Wolfsburg mindestens mitentschieden. Es war fast wie einst der Überraschungs-Schachzug mit Sprinter David Odonkor im DFB-Team. Allerdings muss Klinsmann noch beweisen, ob er solche taktischen Kniffe dauerhaft beherrscht.Die Offensive ist trotz eines wieder schwachen Lukas Podolski, der den an der Rippe verletzten Luca Toni ersetzte, stärker und variabler geworden als im vergangenen Jahr. Doch was tun mit dieser Defensive? "Das haben wir noch nicht rausgefunden. Wenn wir es wüssten, dann hätten wir schon reagiert", gab Hoeneß zu. Klinsmann hingegen nahm seine Hinterleute in Schutz: "Wir sind momentan nicht im Stande, als kompakte Mannschaft nach hinten zu arbeiten. Die Ärmsten sind dann die Verteidiger und der Torwart."
Es gehört zu Jürgen Klinsmann, öffentlich keinen Spieler zu kritisieren. Tatsächlich folgt den rasanten Offensiv-Aktionen selten ein rasantes Verteidigen. Allerdings ließen auch die individuellen Darbietungen in der Bayern-Abwehr die Tribünengäste schaudern. Lucio rannte kopflos über den Platz, Christian Lell war als Außenverteidiger überfordert. Ohne Stabilisator Lahm (saß mit Krücken auf der Tribüne, fällt wohl vier Wochen aus) knickte zudem der sonst standhafte Martin Demichelis ein. Immerhin strahlt Michael Rensing im Tor zunehmend Sicherheit aus.
Es geht bergaufDer FC Bayern ist bis Sonntagabend auf Platz vier der Bundesliga geklettert, führt seine Gruppe in der Champions League an und hat dreimal binnen acht Tagen gewonnen. Es geht bergauf im Land des ewigen Rekordmeisters und die Klasse der Spieler lässt auch nichts Anderes erwarten. Magath grinste nach dem 2:4 in seiner gewohnten "Ich-habs-doch-vorher-schon-gewusst"-Mimik und frohlockte fast: "Es ist eine Frage der Qualität, die beim FC Bayern vorhanden ist und bei uns eben nicht." Er meinte: Seine Spieler ließen beste Chancen aus, die Münchner nutzten sie. (Bis auf Andreas Ottl, der kurz vor Schluss den Ball auf groteske Art und Weise statt ins leere Tor an den Pfosten lenkte.)
Doch Auftritte wie gegen Wolfsburg werden kaum reichen, um Klinsmanns eigentliches Ziel zu erreichen: in der Champions League um den Titel zu spielen. In einzelnen Partien wird der Schwabe seine Spieler zu Außergewöhnlichem "pushen" könne, doch irgendwann werden sich die besten Klubs Europas nicht mehr überrumpeln lassen und die sich bietenden Chancen nutzen.
Ganz sicher allerdings scheinen derzeit nur zwei Sachverhalte in München: Das Publikum kann sich freuen (und sollte es endlich auch), denn im Vergleich zum Hitzfeldschen Ergebnisfußball bekommt man für sein Geld heute einen Abenteuerkick nach dem anderen geboten. Und zweitens wird der Arbeitseifer des Jürgen Klinsmann so schnell nicht erlahmen, trotz eingefallener Wangen: "Im Fußball ist es so: Es wird kein perfektes Spiel geben, aber das ist für uns nur Motivation, weiter hart zu arbeiten." Von perfekt sind seine Bayern wahrlich weit entfernt.
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